Haydamaky – Presse

REVIEW: Kobzar @ globalsounds

Die rockenden Troubadoure aus der Ukraine graben in der Vergangenheit und lassen den Volumenregler weit offen.Als in der Ukraine 2004 die orange Revolution einen Bruch mit der politischen Vergangenheit einleitete, lieferten Haydamaky den Soundtrack dazu: laut, punkig, rockend, aber mit den Wurzeln tief in der kulturellen Heimat. Oder wie es Sänger Oleksandr Yarmola definiert: «Wir wollen die moderne ukrainische Kultur cool machen, trendy und sie in die Weltkultur einpassen.»So ist es logisch, wenn Akkordeon, Flöte oder die Bandura, die ukrainische Zither gleichberechtigt neben krachenden Gitarren und harten Drumbeats oder treibenden Ska-Grooves stehen. Dank einer exzellenten Produktion werden die leisen Töne auch nicht von den lauten an die Wand gespielt. Und in den Texten wird nicht von der Liebe geschwärmt, sondern auch von der Zerrissenheit und der Verlassenheit einer Generation im Aufbruch.Während ihre viel berühmteren Exil-Kollegen von Gogol Bordello eher die klamaukige Hauruck-Methode pflegen, schleifen Haydamaky mit viel Erfolg an der modernen musikalischen Kultur der Ukraine.

Quelle: http://www.globalsounds.info/2008/12/haydamaky-kobzar/

HAYDAMAKY – Ukraine Calling (Westzeit 01.03.2006)

Anscheinend interessieren sich tatsächlich immer mehr Leute für Osteuropas Untergrund. Das war vor 6, 8 Jahren noch ganz anders, hat einige Enthusiasten viel Geld gekostet und diverse Träume zerschmettert. Egal, jetzt scheint’s besser, daher freuen wir uns über Haydamaky aus dem Land der als Gasdiebe oder Orangenrevoluzzer Etikettierten. Karpaten-Ska, warum nicht. Die Kollegen singen über ihren Kulturpalast und andere schöne Sachen, konsequent Ukrainisch und zu rhythmisch zuweilen sehr interessanten, manchmal aber auch etwas schlichten, mit Ska-Gebläse und Stromgitarre aufgepepten Folkrock-Etuden. In den einschlägigen Clubs könnte das Ganze dann (noch mehr) zünden!

Autor: Karsten Zimalla

HAYDAMAKY – „Ukraine Calling“ (Radio Multikulti CD der Woche)

„Auch wenn du kein Brot hast – Sing!“ Klingt ganz nach der Lebensphilosophie eines Straßenmusikers. Laut und energiegeladen ertönt dieser Aufruf auf dem neuen Album der ukrainischen Band Haydamaky. Sie appellieren in ihrem Lied für ein freies und selbstbestimmtes Vagabundendasein.

Das Streben nach Freiheit ist fest mit der Bandgeschichte verbunden: Die Kiewer Gruppe formierte sich 1991 – damals noch unter dem Namen Aktus – kurz nachdem die Ukraine ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt hatte. Diese Freiheitsliebe spiegelt sich auch in der Wahl des neuen Bandnamens wider, der auf die Haidermaken zurückgeht. So wurden die Bauern und Kosaken während des ukrainischen Bauernaufstands im 18. Jahrhundert genannt. Spirit, Tänze und Musik dieser rebellischen Vorfahren sind eine wichtige Inspirationsquelle für die Band.

Haydamaky berufen sich musikalisch jedoch nicht nur auf ihre kulturellen Wurzeln, sondern mischen diese mit unterschiedlichen westlichen Klängen. Bestimmend für ihren Stilmix sind neben traditioneller Folkmusik der Karpaten und der Bukovina-Region insbesondere auch moderne Elemente aus Reggae, Ska und Punk. Auf dem Albumcover wird dieses Prinzip des „Kaparten-Ska“ bildlich deutlich, wo sich Tatoo und Hirtenflöte ergänzen.

Im Repertoire der Band finden sich neben Liedern über Liebe und Sehnsucht viele politische Stücke. So wundert es nicht, dass sich Haydamaky im Herbst 2004 für die Orange Revolution in ihrem Heimatland engagiert haben. Der Albumtitel „Ukraine Calling“ ist übrigens eine Anspielung auf den berühmten Song „London Calling“ von „The Clash“ und unterstreicht die widerständlerische Haltung der Band. Kaum anzunehmen, dass Haydamakys Mix aus Punk und osteuropäischem Folk eine brotlose Kunst bleiben wird …

Autor: Shanli Anwar Haghighi

Haydamaky. Musikalische Grenzgänger aus dem Osten (Die Presse 09.02.2006)

Nicht erst seit dem Song Contest 2004, als Ethno-Sängerin Ruslana den Titel erstmals in die Ukraine holte, gibt es in der ehemaligen Sowjetrepublik eine lebendige Musikszene. Eine der interessantesten Bands des Landes wurde schon 1991, kurz nach der Unabhängigkeitserklärung, ins Leben gerufen. Damals noch unter dem Namen Aktus spielten einige Studenten aus Kiew eine Mischung aus Rock, Reggae, Ska, Punk und traditioneller ukrainischer Musik, die im Underground schnell Kultstatus genoss. Später änderte man den Bandnamen in Haydamaky. Ein Name, der auch Programm wurde, denn Haidamaken wurden die Bauern und Kosaken im ukrainischen Bauernaufstand gegen die Feudalherrschaft im 18. Jahrhundert genannt. Und genau diesen Sinn für Revolution transportiert die Band seither in ihrer Musik und ihrem Image mit. Im Zuge des Balkan- und Osteuropa-Booms in der europäischen Musikszene wurden sie von einer internationalen Plattenfirma entdeckt und somit auch über die Grenzen der Ukraine hinaus bekannt.
Am Samstag können die Freunde osteuropäischer Musik in Österreich die Band live sehen. Im Klub Ost spielt das Bandkollektiv seine wahnwitzige Mischung aus verschiedensten ethnischen Einflüssen, gepaart mit einer kraftvollen Bühnenshow. Und auch nach dem Konzert kann weitergetanzt werden: Das aktuelle Album „Ukraine Calling“ erscheint dieser Tage.

Autor: Erich Kocina

Haydamaky – Ukraine Calling (schrillerille.ch, 09.01.2006)

Post von Eastblok verheisst immer gutes, so auch dieses mal mit dem dritten Album der GruppeHaydamaky aus Kiev. Von dieser Truppe konnten wir schon zwei sehr unterschiedliche Songs hören. «Boguslaw» (Ukraina – Songs of the Orange Revolution) ein Reggae mit einigem Dub und das Ska-Stück «Hinter unserer Scheune» das leicht in den Folk geht. Mit wenigen, ruhigen Ausnahmen geht es auf Ihrem neuen Album «Ukraine Calling» turbulent, energiegeladen und abwechslungsreich, zwischen Rock, Folk, Ska und Balkanmusik zu und her. Mal Rock («kohania (adi cytryni)», «shidi-ridi», «na tomu botsi»), mal näher am Balkan («chuesh?!», «nemae hliba – spivai!») oder mal mit einem Schlag Reggae und Hirtenflöten («listopad?!»). Traditionelle Instrumente, wie Hirtenflöte, Zimbel und Leier treffen auf elektrischen Gitarren, Schlagzeug und Bass («bozhestvenna trompita», «dolinov, dolinov» oder «sumnyj svyatyj vechir»).
Aber auch ruhige Weisen wie «sim bid» oder «pid oblachkom» sind vertreten. Eine skatige Orgel trifft bei «centr ukrainskoy kultury» auf die Ukraine und den Balkan. Zum Schluss geht es noch mal skatiger zu mit «za nashov stodolov (Hinter unserer Scheune)».Fazit: Nachdem Haydamaky schon mit zwei Songs, auf Russendisko und Ukraina, erahnen liessen, welche Vielfalt und Spielfreude in diesen Ukrainern steckt, haben sie mich mit ihrem dritten Album, dem ersten, welches wir aus dem Westen ab dem 24.2.2006 in jedem besseren Plattenladen erhalten können, überzeugt. Abwechslungsreiche Musik ohne Schnörkel. Ich habe schon mehrmals nach mehr von dieser Musik geschrieen. Langsam kommt sie!

Autor: Patrick Principe

Haydamaky – Ukraine Calling (Neues Deutschland 18./19. 02. 2006)

Martialisch wie Rammstein gerieren sich die Männer der ukrainischen Band Haydamaky. Ein muskulöser Oberkörper ziert das Cover ihrer CD „Ukraine Calling“. Auf dem Arm prangt eine archaisch anmutende Tätowierung und auf der Schulter liegt – wie ein Baseballschläger –eine hölzerne Hirtenflöte. Und dann der Name: Haidamaken nannten sich die ukrainischen Bauern und Kosaken, die im 18. Jahrhundert gegen die Feudalherrschaft aufbegehrten. In ihren Mitteln waren diese Geknechteten nicht zimperlich. Von einem grauenhaften Blutbad, das sie unter Polen und Juden anrichteten, ist zu lesen.

Vorsicht scheint geboten. Womit muss man rechnen, wenn man diese CD ins Abspielgerät einlegt? Ein barbarisches Trommelfeuer auf zivilisierte westliche Ohren? Ukrainischnationalistische Hassgesänge? Triefende Folklore? Entwarnung, nichts von alledem. Die sechs modernen Haidamaken fallen zwar kraftstrotzend und enthusiastisch, aber überaus friedlich über uns her. Nicht konserviert werden in ihrer Musik die überlieferten Tänze und Klänge der historischen Haidamaken, sondern lustvoll verfremdet. Mitreißend verschmelzen folkloristische Flöten-, Zimbel- und Leierklänge mit flotten Ska-, Reggae-, und Punkelementen. Spärlich instrumentierte exotische Karpatenmusik mit schmachtendem melismatischem Gesang kann etwa im Song „Dolinov, Dolinov“ schlagartig ins Rockige kippen. Plötzlich zittern nicht mehr die Saiten der Leier, sondern eine verzerrte E-Gittarre wummert im Hiintergrund, stat dem zarten Pfeifen der Flöte setzen moderne Blechbläser im Offbeat ein. Das ist weder ein ungelenker Brückenschlag noch verbitterter Kampf zwischen Archaik und Moderne, gar zwischen urwüchsigem Osten und postmodernem Westen – das ist pure Lust an der Musik.

Autor: Martin Hatzius

Politically conscious Ukrainian ska-punk (Songlines 09/10 2006)

There seems to be so much happening in Berlin these days. And it is Berlin-based label Eastblok we have to thank for this first international release of the excellent Ukrainian/Carpathian ska-punk rockers Haydamaky. Although they started out over ten years ago, it was a Berlin compilation, Russendisco Hits 2, that first brought them wider European attention in 2004 with „Za Nashov Stodolov“, and it is this fabulous trombone-led ska workout that brings this album to ist close.

At the heart of the band’s sound is a love of punk and reggae, developed in their early days in communes in Germany and Poland. They were instrumental supporters of the Ukrainian Orange Revolutionin late 2004: several tracks here, like the furious horn-based driving funk-punk workout,“Sing Even if You Got No Bread“, show the strong social aspect of their music. Their trumpet player, Evgeniy Didyk, used to play with Moldova’s finest, Zdob Si Zdub, and his screaming solo lines and fat horn-section parts are a highlight throughout. When they are not moshing on the dancefloor, traditional instruments like the sopilka (the delicate wodden shepherd’s flute played by vocalist Oleksandr Yarmola)lead the way, and „Seven Sorrows“, which sounds like a Serbian or Macedonian trumpet lament, is a particular standout of the slower tracks. There are occasional epic stadium rock moments that might fare better at home than abroad, but thankfully the skin-tight trousers come out insufficiently frequently to prevent this being an exciting, vital record by one of the best European bands arround.

Nicht London ruft, sondern die Ukraine … (Spinne Magazine # 33)

Doch, es geht ab bei Haydamaky. Dub, Ska, Punk und diese für Musik aus Osteuropa so häufigen folkloristischen Anklänge – da tanzt es sich fast von allein!

Westliche Gitarrenklänge mischen sich mit Zimbeln und Flöten und erinnern an die Musik und Tänze der Haidamaken – so nannte man im 18. Jahrhundert die ukrainischen Bauern und Kosaken, die gegen die Feudalherren aufstanden. Und auch politisch steht die neunköpfige Band gern in einer widerständigen Tradition – bis hin zum Albumtitel, der sicher nicht zufällig an The Clash und ihr „London Calling“ erinnert …

Mit ihrer neuen Veröffentlichung hat sich unser liebstes Label, Eastblok, nun für eine Band entschieden, die in der Ukraine durchaus schon zu den Großen gehört. Bleibt zu wünschen, dass diese ebenso ins westliche Ohr hinein findet wie die schon etabliertere Musik vom Balkan.

Go Carpathian!

Ox-Fanzine (Ausgabe #69, 01/2007)

„Haidamaken“ nannte man die Bauern und Kosaken im ukrainischen Bauernaufstand gegen die Feudalherrschaft im 18. Jahrhundert. Seit 1993 experimentieren die Musiker mit verschiedenen Stilen, bis sie 2002 in der Ukraine als HAYDAMAKY ihr offizielles Debütalbum veröffentlichten. Unter dem Stichwort „Karpaten-Ska“ kreuzen HAYDAMAKY ukrainische Folksmusik mit westlichen Klängen wie Punk, Ska und Dub. „Ukraine Calling“ ist bereits das dritte der Band, aber das erste welches auch parallel in Deutschland veröffentlicht wird. Hirtenflöte, Zimbel und Leier treffen auf harten Punkrock. Ein Widerspruch? Mitnichten, sondern vielmehr der gelungene Versuch traditionelle ukrainische Folksmusik aus den Karpaten und der Bucovina-Region mit modernen Rhythmen zu kombinieren. 12 Songs plus Bonustrack laden ein zu einer musikalischen Achterbahnfahrt der besonderen Art. Sehr gelungen. (47:48) (8)

(Kay Wedel)

Zwischen Ska, Punk und ukrainischer Folklore (clarino, 10/2003)

Die Bandgeschichte von „Haydamaky“ und vor allem ihres Vorläufers „Aktus“ beginnt 1990, direkt nach der Unabhängigkeit der Ukraine. Auch dort ließ sich nun weltoffener agieren und der Ska-Punk von „Aktus“ wirbelte den Staub des Kiew-Undergrounds mächtig auf. Die damalige Besetzung schaffte es neben Tourneen durch osteuropäische Clubs auch zu einigen Auftritten in Norddeutschland. Ein wirklicher Durchbruch gelang trotzdem nie. Erst mit dem Einstieg des charismatischen Sängers Olexander Yarmola und Akkordeonist Ivan Leno änderten sich die Verhältnisse. Der Sound wurde vielseitiger, Folkeinflüsse lockerten die ungestümen Gitarre/Bass/Schlagzeug-Arrangements auf und bestimmten zunehmend die Songs. Und die Posaune von Ruchlan Trochynsky rückte definitiv in den Vordergrund. Dass sein Instrument im Bandkonzept mehr als nur eine Klangfarbe unter vielen ist, demonstriert auch Trochynskys Position im heutigen Bühnensetting. Die Show ist klar auf Yarmola und ihn abgestimmt. Sein Druck bestimmt viel vom unwiderstehlichen „Haydamaky“-Sound.
Die Ankündigung einer Karpaten-Skaband ist für die Organisatoren des T(anz) F(olk) F(estes) Rudolstadt keine außergewöhnliche Aktion. Solche vermeintlichen Exotismen werden längst von regelmäßig 60 000 Besuchern genau hier erwartet. Im gemütlichen Thüringer Saalestädtchen hat sich seit der Wende eines der größten und vielfältigsten europäischen Festivals für Folk und Weltmusik entwickelt. Und dass man aufgrund der osteuropäisch geprägten Festivalgeschichte stets die Fühler auch gezielt Richtung Ural oder Balkan ausfährt, gibt dem Programm ganz bewusst einen von vielen Akzenten.

Mit „Haydamaky“ aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew war in diesem Jahr tatsächlich eine Folk-Skaband mit Punkhintergrund vom Dnjepr an die Saale gereist. Obwohl die Etikettierung als \\\\„Karpaten-Ska\\\\“ den geographischen Verhältnissen nicht wirklich entspricht, deutet sie auf das Konzept der Band aus der nochwesentlich weiter östlich gelegenen Metropole hin.

Der wilde Sechser aus Kiew und seine zwei Sängerinnen des Bojitschi-Chors reißen Menschenmassen in Windeseile hin. So auch in Rudolstadt- bei den vielfältigen Eindrücken und etlichen tollen Bands auf 20 in der Stadt verteilten Bühnen keine leichte Übung. Direkt zu Yarmolas Füßen ein wildes Geschiebe und Gezucke. Die Ska-Youngsters und Punk-Girlies haben mächtig Spaß. Weiter hinten begeistern sich auch massenhaft weniger aufgeregte Festivalbesucher für die furiose Mischung. Die Band scheint das alles wenig zu überraschen. Obwohl sie sich den wichtigen Auftritt noch ohne westliches Management selbst besorgt hatte, gibt es keine Gründe für falsche Beschiedenheit. Olexander Yarmola erinnert im Gespräch nach dem Konzert an die wichtigsten Entwicklungen: „Kurz nach der Umbenennung in ‚Haydamaky? sind wir 2001 vom ukrainischen EMI-Ableger entdeckt worden. Seitdem können wir voll professionell arbeiten. Wir haben unsere erste Cd produzieren, treten ständig irgendwo in unserer Heimat, in Polen und Tschechien auf. Hier in Rudolstadt spielen wir unseren ersten Deutschlandauftritt in dieser Besetzung.“

Mit dem Konzept der Mischung von ukrainischen Volksmusiken auf der Basis weltweit gültiger Ska-, Reggae- und Rocksounds richtet sich die Band sehr bewusst gegen die auch bei ihnen grassierende Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse. Im Extrem trifft rotziger Punk-Zorn auf selbstbewusst integrierte Melodien aus den ukrainischen Regionen Polissya, Bukovyna und Zakarpattya – ein erfrischendes Gebräu. Der ursprüngliche Punk-Geist von „Aktus“ lodert also noch, und die deftige Ska-Beimischung funktioniert als cleverer Brückenschlag zum Karpaten-Folk.Yarmola: „Unser Bandname geht zurück auf eine ukrainische Rebellion im 18. Jahrhundert. Wir sehen uns heute als so etwas wie Rebellen für die eigene Kultur\\“

Autor: Michael Borrasch

Haydamaky: Ukraine Calling (Voice of Culture, 26.02.2006)

Ich kann mir nicht helfen, aber ich steh auf diesen wilden Balkankram. Vor allen Dingen wenn er schnell und tanzbar ist.
Was bei Haydamaky der Fall ist. Zum Schluss werden sie sogar so schnell, da kann´s einem direkt schwindlig werden.

Haidamaken nannten sich die ukrainischen Bauern und Kosaken im Bauernaufstand gegen die Feudalherrschaft im 18.Jh. Und wenn Haydamaky ihre wilde Mischung, aus Folklore, Punk und Ska spielen, liegt der Spirit der Revolution förmlich noch in der Luft. Die Kombination aus traditioneller Folklore der Bucovina- und Karpaten-Region mit Hirtenflöte, Zimbel und Leier und modernen Einflüssen und Rhythmen schlägt eine Brücke zwischen Tradition und Moderne – und wie schon so oft – zwischen Ost und West. Dadurch ist es Haydamaky gelungen einen eigenen, neuen Stil zu generieren – und zwar den Karpaten-Ska.

Irgendwie klingen sie wie eine Mischung aus den durchgeknallten Leningrad, Spitfire, einer Garagenband und einem traditionelles ukrainisches Hochzeitsorchester. Gerade in der Polen und der Ukraine haben sich durch ihre raue Mischung einen Namen gemacht. Ein Song wurde bereits auf der erfolgreichen „Russendisko“ veröffentlicht bevor uns hier nun das dritte Album vorliegt. Wilde Energie der ukrainischen Folklore-Feste mit authentischer Punk-Attitüde, typischem Ska-Offbeat und Gesang […] werden zu einem Paket gebündelt und mit auf die Reise genommen. Wir befinden uns in einer alten, ruckelnden Dampflok und fahren durch die karge Landschaft. An den Seiten ziehen Pferdewagen mit Zigeunern vorbei und alte Bauern mit halbintaktem Gebiss grinsen uns bei ihrer Feldarbeit unterbrochen an. Im Hintergrund rennen eine paar Lausbuben durch die Gegend, die den Älteren Streiche spielen. Und im Vordergrund spielen Haydamaky.

Autor: Anne-Sophie Haack

Haydamaky – Leier lernt das Rocken (Kieler Nachrichten, 25. 2. 2006)

Die Hirtenflöte, so penetrant wie Knoblauch, oszilliert über zweistimmige Läufe von Akkordeon und Trompete, Zimbel und Leier lernen zu rocken und wenn diese Melodien-Melange durch die Dörfer der Karpaten schallt, dürften sich die Vampirfürsten vor Angst ob dieser Schönheit im Sarg umdrehen. Doch Haydamaky geht es nicht um Spukgestalten, sondern um harte Realität. Ihr Ruf nach Freiheit scheint in den Songs allgegenwärtig, Ukraine Calling heißt die aktuelle Platte und will aufmerksam machen auf all jene Missstände, unter denen die osteuropäischen Völker und Staaten nach wie vor leiden, die sich Anfang der Neunziger unter teils abenteuerlichen Umständen aus dem Würgegriff der damaligen Sowjetunion befreiten.
Und auch wenn der Aufstand der ukrainischen Bauern und Kosaken – Haidamaken genannt – gegen die Feudalherrschaft nun zweieinhalb Jahrhunderte zurückliegt, scheint jener doch in der Klangwelt erneut aufzuerstehen. Traditionelle Tänze und schrille Liedchen treffen auf Anleihen bei Punk, Reggae und Dub. Manchmal produziert die Trompete eine fast hitverdächtige Melodie, untermalen rock-poppige Harmonien die Flummi-Sprünge des Frontmanns Oleksandr Yarmola, wird in den ersten Reihen getanzt und gepogt. Musikalisch ist das allererste Sahne, kein Wunder, hat sich der Großteil jener Truppe doch bereits vor über zehn Jahren kennen gelernt und sich im gemeinsamen Musizieren verschweißt.

Haydamaky schaffen es, in den Herzen des Publikums das Bild ihrer Heimat zu generieren, seltsam schön und fremd. Das Erbe einer vergangenen Welt verschmilzt mit der neuzeitlichen Macht der Stromgitarre. Schweißtreibend verneinen Haydamaky ein Abbild dessen, was auch in der Ukraine als Mainstream-Popstar durchgeht. Verlieren sich nie, schaffen es mit selten gelauschter Originalität, dass jeder Beat sitzt und Wasser auf die Partymühlen gießt. Ein Leckerbissen.

Autor: Carsten Purfürst

Dicke Geschütze – Haydamaky (sounds, 3/2006)

Die Zeiten scheinen vorbei, in denen Gruppen wie Markscheider Kunst aus Sankt Petersburg noch den Exotenbonus genossen. Jede Menge Neues aus dem ehemaligen Ostblock drängt stürmisch nach und das Qualitätsniveau steigt. Mit dumpfem Heavy-Rock kann man eben heutzutage keine Maus mehr aus ihrem Loch hervorlocken. Viele Bands haben mittlerweile erkannt, daß eine Mischung aus traditionellem Erbe verknüpft mit Reggae-Riddims, Ska und Folk eine vielversprechende Möglichkeit ist, neue Hörerkreise zu erschließen. Haydamaky aus der Ukraine sind auch so ein paar Schlaue, die zudem noch den Vorteil in der Tasche haben, aus der Gegend der Karpaten und der Bucovina zu stammen und dieser Umstand ist musikalisch gleich doppelt interessant. So gibt denn auch das Cover schon den ersten unzweideutigen Hinweis darauf, was man auf diesen knapp 50 Minuten zu erwarten hat: marzialisches Tattoo auf dem Oberarm und eine geschulterte Hirtenflöte lassen auf eine rauhe Schale mit weichem Kern schließen.
Und so kommt es dann auch: Die Ukrainer fahren mit Ska und Punkrock dicke Geschütze auf, verstehen es aber auch, mit Instrumenten wie Zimbalon, Akkordeon und der bereits erwähnten Hirtentröte melancholisch-folkloristische Elemente in ihr Repertoire mit einzubauen. Ganz besonders in sich haben es Tracks, die auch einem Shantel und seinem Bucovina Dance Club bestens zu Gesicht stehen würden: Teuflisch schnelle Beats und eine fixe Balkan-Trompete geben dermaßen viel Zunder, daß manch ein Tänzer mit der Körpermotorik so seine Schwierigkeiten haben dürfte (Track 3). Der Insider nennt das dann Karpaten-Ska und da geht tierisch die Post ab. Und auch sonst haben sich die Haydamakys einiges einfallen lassen, um den Fan bei Laune zu halten, ich sage da nur „Balkan-Reggae!” (Track 12). Das bunte Crossover-Patchwork, das in seiner Vielschichtigkeit sowohl akustische wie auch elektrisch verstärkte Instrumente unter einen Hut bringt, kann rundum als geglückt bezeichnet werden. Insofern dürften das Ukrainische Septett mit seiner ersten internationalen Veröffentlichung dieses Jahr in der Ostliga durchaus einen der vorderen Plätze belegen.

Autor: Klaus Halama

Charles Bukowski hätte wohl seinen Spaß an der Musik der St. Petersburger Ba

Post von Eastblok verheisst immer gutes, so auch dieses mal mit dem dritten Album der Gruppe Haydamaky aus Kiev. Von dieser Truppe konnten wir schon zwei sehr unterschiedliche Songs hören. «Boguslaw» (Ukraina – Songs of the Orange Revolution) ein Reggae mit einigem Dub und das Ska-Stück «Hinter unserer Scheune» das leicht in den Folk geht.
Mit wenigen, ruhigen Ausnahmen geht es auf Ihrem neuen Album «Ukraine Calling» turbulent, energiegeladen und abwechslungsreich, zwischen Rock, Folk, Ska und Balkanmusik zu und her. Mal Rock («kohania (adi cytryni)», «shidi-ridi», «na tomu botsi»), mal näher am Balkan («chuesh?!», «nemae hliba – spivai!») oder mal mit einem Schlag Reggae und Hirtenflöten («listopad?!»). Traditionelle Instrumente, wie Hirtenflöte, Zimbel und Leier treffen auf elektrischen Gitarren, Schlagzeug und Bass («bozhestvenna trompita», «dolinov, dolinov» oder «sumnyj svyatyj vechir»). Aber auch ruhige Weisen wie «sim bid» oder «pid oblachkom» sind vertreten. Eine skatige Orgel trifft bei «centr ukrainskoy kultury» auf die Ukraine und den Balkan. Zum Schluss geht es noch mal skatiger zu mit «za nashov stodolov (Hinter unserer Scheune)».

Fazit: Nachdem Haydamaky schon mit zwei Songs, auf Russendisko und Ukraina, erahnen liessen, welche Vielfalt und Spielfreude in diesen Ukrainern steckt, haben sie mich mit ihrem dritten Album, dem ersten, welches wir aus dem Westen ab dem 24.2.2006 in jedem besseren Plattenladen erhalten können, überzeugt. Abwechslungsreiche Musik ohne Schnörkel. Ich habe schon mehrmals nach mehr von dieser Musik geschrieen. Langsam kommt sie!

Autor: Patrick Principe

Tradiertes mit Turbo (Kieler Nachrichten, 10.02.07)

Kiel – Während sich der ukrainische Präsident Juschtschenko bei Angela Merkel in Berlin einen Korb in Sachen „schneller Beitritt zur EU“ abholte, wurden sechs seiner Landsmänner in der Kieler Pumpe hingegen mit offenen Armen empfangen. Haydamaky spielten auf mit ihrer schweißtreibenden Melange aus Rock, Punk, Reggae und Ska gewürzt mit Elementen der traditionellen ukrainischen Volksmusik, die sie mittlerweile auf drei Alben verewigt haben, das aktuelle: „Ukraine Calling“.

Anfang der Neunziger, kurz nach der Unabhängigkeit der Ukraine, als Keller-Punkband mit Reggae- und Ska-Einflüssen gestartet, entwickelten Haydamaky nach und nach ihren eigenen Stil, indem sie die typischen traditionellen Klänge verschiedener ukrainischer Regionen integrierten. Mit Erfolg: Daheim sind Oleksandr Yarmola (Gesang, Flöte), Ivan Leno (Akkordeon), Volodymyr Sherstyuk (Bass), Eugeniu Didic (Trompete), Oleksandr Dem’yanenko (Gitarre) und Ruslan Ovras (Schlagzeug) spätestens seit der Orangenen Revolution von 2004 mächtig bekannt, weil ihre Songs verstärkt in den Indie-Radiostationen gespielt wurden, waren und sind die Bandmitglieder doch selbst Protagonisten der ukrainischen Demokratiebewegung. Und dass sie in entsprechend interessierten Kreisen auch hierzulande noch viel bekannter werden könnten, bewies das Sextett mit Nachdruck.
„Die Musik von Haydamaky ist das Europa, das wir noch nicht kennen“, hat mal ein Kritiker gesagt. Recht hatte er wohl, allein die Auswahl der Instrumente lässt genauer hinschauen – und hören. Mit an Bord sind – neben Oleksandrs der Blöckflöte ähnelnden Sopilka – die Drymba, ein altes ukrainisches Saiteninstrument sowie die Domra, ein russisches Zupfinstrument. In Koalition mit Schlagzeug, Gitarre und Co ergibt das ein Multicolor-Kino für westliche Ohren. Rumpelig schnelle Punkrocknummern, schleppend schwerer Rock, wah wah-schwangerer Reggae oder drängelnd flinke Ska-Rhythmen werden dominiert von Oleksandrs Flöte, die mit slawischer Seele mal klagend, mal aufmunternd tönt und von Ivans Akkordeon, der in der halsbrecherischen Rasanz seines Solos nur von den flinken Fingern Eugenius an der Trompete übertroffen wird. Das hier ist Schwindel erregend, ein Rausch. Und setzt sich noch dazu durch diesen ganz eigenwilligen Sound angenehm von anderen Bands gleichen Genres ab. Vor der Bühne: eine Tanz- und Pogo-Orgie, schwitzende Menschen mit entrücktem Grinsen im Gesicht. Eine ansprechende Visitenkarte dieses Europas, das wir noch nicht kennen.

Von Karen Jahn