Lyapis Trubetskoy – Presse

Rock verzeiht, Luka nie!
FAZ, 31.10.2011:

Rock verzeiht, Luka nie!

Der weißrussische Sänger Sergej Michalok legt sich mit dem Regime an

MINSK, Ende Oktober Es gab eine Zeit im Leben des Sergej Michalok, da waren Kitsch und Ironie seine schärfsten Waffen gegen die Wirklichkeit. Michalok ist Weißrusse. Seine Wirklichkeit ist „dje letzte Diktatur Europas“. Als Sänger und Gründer der Ska-Reggae-Formation Lyapis Trubetskoy landete er 1998 ein paar Hits, die ihn im gesamten russischsprachigen Raum bekannt machten. Der Erfolg machte ihn unabhängig. Michalok blieb zwar in seinem Heimatland wohnen, zog es aber vor, sich nicht in die Wirklichkeit seines Landes einzumischen; auch dann nicht, als seine Kollegen vom Regime des Präsidenten Alexander Lukaschenko attackiert wurden.

Stattdessen beschwor der in Dresden geborene Michalok mit seinem energiegeladenen, höchst attraktiven Ska-Pop die Lenin-Sowjet-Nostalgie. Er sang über Pioniere, Wodka und Kosmonauten. Mit der Nostalgie meinte es Michalok natürlich nicht ernst. Er wollte die triste Realität durch eine ironische Märchenwelt konterkarieren. In dem Lied „Ramonki“ (Blumen) sang er: „Das ist meine ausgedachte Welt. Das ist mein freier Weg.“ In Interviews fabulierte Michalok von Außerirdischen, Buddhisten und schönen Mädchen. Irgendetwas muss dann mit ihm passiert sein. Michalok hörte auf zu trinken, stählte seinen Körper, ließ ihn mit Tätowierungen verzieren, rasierte seinen Kopf kahl und zog in den Kampf mit Liedern wie der Hymne „Belarus Freedom“ vom Album „Manifest“, auf dem er sich dem Agitpop zuwandte. „Kröten ohne Ende auf den Ämtern“, sang er, und jeder wusste, dass damit das mafiös-korrupte System Lukaschenkos gemeint war.

Die letzte Etappe der wundersamen Verwandlung vom Eskapisten zum Aktivisten vollzog sich im Zuge des 19. Dezember 2010. Die Minsker Proteste am finalen Tag der Präsidentschaftswahlen ließ Lukaschenko zusammenprügeln. Bis heute rauscht eine neostalinistische Repressionswelle durchs Land. Die Opposition ist weitgehend zerstört. Michalok war einer der Ersten, die das Regime verdammten. Im März tauchte eine schwarze Liste auf, auf der auch Michaloks Band stand . Seitdem dürfen Lyapis Trubetskoy, die eine CD beim Berliner Label Eastblok veröffentlicht haben nicht mehr in Weißrussland auftreten. Gegenüber russischen Journalisten sagte er an die Adresse Lukaschenkos: „Er ist überhaupt kein Präsident. Er hat schwarze Brigaden um sich versammelt und vollführt den Genozid des belarussischen Volkes. Dieser Mensch, der sein Volk hasst, verdient im besten Fall einen fairen Prozess. Aber solche Verbrecher wie Lukaschenko hinterlassen keine Zeugen für ihre Verbrechen.“ Der Ausbruch machte die Runde im Internet und in den unabhängigen Medien „Diejenigen, die in Weißrussland leben“, sagt der ebenfalls verbotene Sänger Zmider Wajzjuschkewytsch, „können sich so eine direkte Kritik nicht erlauben. Luka verzeiht so etwas nicht. Wenn Michalok zurückkehrt, wird man ihn dafür sicher verhaften.“ Mitte Oktober verkündete die Minsker Staatsanwaltschaft, dass sie Michalok wegen Präsidentenbeleidigung belangen wolle. Michalok könnten zwei Jahre Haft drohen. Er befindet sich zur Zeit in Moskau und ist gehalten, das laufende Verfahren nicht zu kommentieren. Er ließ wissen, dass er vorerst in Moskau bleibe und die Anklage sehr ernst nehme.

Ob es wirklich zum Prozess kommt, wird man sehen. Das im wirtschaftlichen Taumel befindliche weißrussische Regime ist nervös. Eine Attacke wie gegen Michalok soll Angst säen. Diese Taktik funktioniert. Am Dienstag trat die Ikone der unabhängigen weißrussischen Musikszene Ljavon Volski beim Internetportal tut.by auf. Das Interview wurde abgeschaltet, weil die Macher des Portals Bedenken hatten, Volski könnte wie Michalok gegen das Regime losschlagen. Dabei hielt sich Volski ironisch zurück. Er kommentierte später: „Ich habe vielleicht etwas zu sehr mit den Armen gewedelt. Aber selbst das ist in unserem Land ja im Moment zu gefährlich.“

Ingo Petz

Agitpop @ Musix

Die Musikkultur im ehemaligen Ostblock ist alles andere als trist und grau. Bester Beweis ist die Band Lyapis Trubetskoy aus Weißrussland. Mit der energiegeladenen Mischung aus Ska, Punk, Pop und Rock sowie engagierten politischen Texten begeistert die Formation ihre Fans. Nun erscheint „Agitpop“ als erster Longplayer auch im Westen. Zur Einstimmung auf die eingängigen aber gar nicht langweiligen Tracks lohnt ein Blick auf das Video zum Song „Kapital“ bei den einschlägigen Communities im Netz, teilweise mit deutscher Übersetzung des russischen Texts. Spannend, zynisch, poppig! (jk)

Quelle: Musix

Warschauer: Review der Woche 19/2010: LYAPIS TRUBETSKOY – Agitpop

MIGHTY MIGHTY BOSSTONES meets LENINGRAD!

Berlin / 10.08.2010: Es gibt sie also doch noch, die nur schwer überwindbaren kulturellen Grenzen, sogar heute, in der ach so globalisierten Welt. Denn ohne diese ließe es sich nicht erklären, dass eine Band wie LYAPIS TRUBETSKOY, die in der kompletten russischsprachigen Welt zu den absoluten Megastars im Punk-/ Alternativ-Bereich gehören, bis dato in Deutschland außerhalb eines doch sehr kleinen Expertenzirkels noch ziemlich unbekannt ist.

Bis dato, sprich bis Juni 2010. Man kann sich sicher sein, dass die Belarussen um Frontmann Sergey Mikhalok mit ihrem ersten im Westen veröffentlichten Album ,Agitpop‘ auch hierzulande einschlagen werden wie eine Sojus–Kapsel in der sowjetischen Steppe. LYAPIS TRUBETSKOY machen Ska-Punk mit russischen und belarussischen Texten und beißend-ironischen gesellschaftskritischen Inhalten. Oder, wie ihr deutsches Label Eastblok schreibt: GOGOL BORDELLO trifft auf Karl Marx. Musikalisch treffen nach meinem Empfinden zwar eher die MIGHTY MIGHTY BOSSTONES auf LENINGRAD, aber das ist ja irgendwo auch nur Haarspalterei in der Gegenwart eines Albums wie ,Agitpop‘. Denn das ist schlicht und ergreifend großartig und stellt für alle neuen Fans von LYAPIS TRUBETSKOY einen perfekten Einstieg in deren musikalisch vielseitige Welt dar.

Auf ,Agitpop‘ finden sich neben den bekanntesten Hits ,Capital‘ und ,Manifest‘ , die auch für die westlichen Freunde des amerikanisch geprägten Ska-Punks eingängig sind, großartige Punk-Balladen wie ,Ramonki‘ und ,Gojko Miti?‘ das tatsächlich den „DDR-Indianer“ und seiner Niederlage gegen „MODERN TALKING und SCOOTER“ besingt. Dazwischen finden sich auch sommerliche Klänge (,Ruzhovyya Akulyary‘, ,Rybka Zolotaya‘) und harte Rockstücke, bei denen ganz klar der Inhalt im Vordergrund steht (,Freedom Belarus‘).

EinSonderlob verdient auch die schöne Digi-Pack-CD, die diealternativen Kulturvermittler von Eastblok Music produziert haben.Mit dem umfassenden Booklet tun sie wirklich alles dafür, dassLYAPIS TRUBETSKOY mit ,Agitpop‘ auch im Westen Freunde finden.Nicht nur, dass die Lyrics einiger Songs ins Deutsche und Englischeübersetzt wurden, auch die Einführung von Belarus-Kenner Ingo Petzbringt einem die Band und ihre Geschichte näher. Einfach vorbildlich– und deshalb dieAnschaffungsempfehlungfür diesen Sommer!

TIPP: Interviewstory im kommenden WAHRSCHAUER #59!

Lyapis Truebtskoy @ Whisperin And Hollerin
Our Rating: 8/1

Berlin’s borough of Mitte. They’ve previously delighted my eardrums with amazing albums laden with folk and dance-related jewels from Poland and the Balkans, but this time they proudly unveil an album of air-punching Ska-soused Punk-Pop from a band who regularly cram venues to breaking point in their homeland and neighbouring Russia and could probably do the same here given the breaks.

Great though it is, the ‚workers collective‘-style image of the mighty hand with the microphone adorning the sleeve throws a bit of a dummy. Without reading the press release, I might well have expected a dark, Laibach-style industrial affair, yet Lyapis represent mass communication married to ridiculously infectious tunes first and foremost. Their PR sound-bite suggests „Karl Marx meets Gogol Bordello“, but I can hear Rocket From The Crypt in their enviably fat punched-up horns, Mighty Mighty Bosstones in some of the Ska-heavy grooves and even a hint of Asian Dub Foundation in frontman Sergey Mikhalok’s hectoring delivery.

Even the merest exposure to pumped-up and ludicrously catchy tunes like ‚Burevestnik‘ and ‚Goyko Mitic‘ leaves you in no doubt that LT are more than aware of Pop’s heritage, although their decision to sing in their mother tongue may derail them in the west. This is a thorny issue at the best of times, but while Lyapis could quite easily be singing about anything from shagging to protest songs about building power stations on reclaimed areas of Steppe for all I know, they quite clearly mean it, maaan, and I would personally applaud them for sticking to their natural, linguistic guns.

Sensibly, an English lyric sheet is provided for two of the album’s key tracks, ‚Capital‘ and ‚Manifest‘, although it would be difficult to misunderstand a memorable chorus of „In the left hand Snickers, in the right hand Mars…my PR manager is Karl Marx“. In these days of frightening economic and climatic instability, this rousing tale of greed and opportunity ruling the political wasteland seems especially well observed. ‚Manifest‘, meanwhile is even more provocative, with its‘ images of the lunatics taking over the asylum (which appears to be happening anyway) and social anarchy for all and there’s sure as hell no way of denying the song’s heavy Pop-Punk forearm smash.

Great though these tunes are, they’re by no means the only standouts. ‚Zorachki‘ is finely wrought wide-screen pop. ‚Ruzhovyya Akulyary‘ shows off the band’s sunnier, easy skanking side and the magnificent, self-explanatory ‚Belarus Freedom‘ is a leviathan of a Punk anthem with iron in its‘ soul and defiance in its‘ stare. Hell, even the extra tracks, including a Classically-inclined piano ballad re-shaping of ‚Capital‘, are well worth the price of admission.

‚Agitpop‘ finds Lyapis Trubetskoy agitating, educating and organising their tough’n’tuneful assault in fine style. I wouldn’t bet against them succeeding should they have their eyes on a friendly western invasion in the near future.

Quelle:
Whisperin & Hollerin
Tim Peacock

Link

Lyapis Truebtskoy @ Russland-Aktuell
Montag, 14.06.2010

Polit-Punk Lyapis Trubetskoy zum 1. Mal in Deutschland

Berlin. Ska-Punk-Pop-Hymnen mit Attitüde. Lyapis Trubetskoy aus Weißrussland begeben sich zum ersten Mal auf deutsche Bühnen. Ein wüster musikalischer Leckerbissen aus Minsk mit Kultstatus. Der Spaß ist inklusive.

Sie werden vollmundig als „Die Sensation aus Weißrussland“ auf den Plakaten angekündigt. Ein turbulenter Haufen, der schon längst in seiner Heimat, in Russland und den ehemaligen Sowjetstaaten zum Selbstläufer geworden ist. Lyapis Trubetskoy schenken sich selber nichts und dem Publikum erst recht nicht.
Karl Marx trifft auf anarchische Lebenslust

Nun kommt auch Deutschland in das Vergnügen dieser Kultband. Die Release-Party zur neuen CD „Agitpop“ darf durchaus als solches verstanden sein. Der Name ist Programm.

Sozialkritische Texte werden mit schweißtreibenden, wirbelwindartigen Beats zelebriert, dass es nur so scheppert. Und dennoch kommt dabei der Spaßfaktor nie zu kurz.

In ihrer Heimat Weißrussland und anderen GUS-Staaten war das Septett um Frontmann Sergej Mihalkow schon lange in den Pop-Charts. Mitten in ihrer Karriere befanden sie jedoch, es wäre an der Zeit, sich in etwas Neuem zu versuchen.

Die Gefahr des Ausgebrannt seins war einfach zu groß. Lyapis Trubetskoy warfen ihr Pop-Star -Image kurzerhand über Bord und wandten sich fortan den ernsthafteren Dingen des Lebens zu – dem lyrischen Polit-Punk.
Auch mit neuem Konzept zum Erfolg

Dass sich dieser Schritt in die Frechheit gelohnt hatte, zeigten die Reaktionen beim Publikum. Außerdem hatte die Band mit einem Mal mächtig mehr Spaß bei der Arbeit. „Wir entschlossen uns wieder zu unseren Ursprüngen zurückzukehren.

Treibender Rock und beißende Satire sind ausreichend, um uns glücklich zu machen und das Publikum bei unseren Auftritten zum Kochen zu bringen“, sagt Sergey Mikhalkov.

Aus der direkten politischen Agitation halten sie sich allerdings heraus. „Wir fordern niemanden auf, die Straßen zu besetzen und Gewalt auszuüben. Die Granate muss in den Köpfen der Leute explodieren, um die schlafende Masse aufzuwecken. Das ist unser Ziel“, erklärt Michalkow.
Volltreffer trotz Zensur

Ihr 2007 erschienenes Album „Kapital“ sorgte für enormen Wirbel. Der gleichnamige Titelsong und das dazu erschienene Video wurden in Weißrussland und Russland nicht öffentlich gespielt.

Geißelt der Text des Liedes doch den Hang zu Wohlstand und Kriegen und zeichnet ein Porträt von zeitgenössischen Diktatoren. Fidel, Saddam, Hugo Chavez, Kim, sie alle werden schonungslos als pseudo-religiöse Ikonen kritisiert – tja, und darunter halt auch der weißrussische Präsident Lukaschenko.

Und ausgerechnet mit dieser brisanten Nummer gewannen Lyapis Trubetskoy sieben Auszeichnungen. Unter anderem den MTV-Award in Portugal. 2009 wurden sie in Russland gar zum „Alternativen Rockprojekt des Jahres“ gekürt.

Wild und „politically incorrect“ wie Punx nun mal eben so sind, scheren sie sich einen Kehricht um Dogmen und Zensur, sondern bringen einfach nur ihren gelebten Spaß auf die Bühne.
Und sorgen nebenher auch dafür, dass Westeuropa inzwischen einen zweiten Blick auf osteuropäische Rockmusik riskiert. Auch wenn das „Manifest“ von Lyaps Trubetskoy umgeschrieben wurde, wundert Euch bitte nicht…

Quelle: Russland-Aktuell (Online)